CD-Rezension / Review / Kritik

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Alphaville Strange Attractor CD Cover

Alphaville „Strange Attractor“

(Polydor/Universal)
Ganz einfach haben es sich Alphaville nie gemacht. Nach dem gigantischen Erfolg ihres Debütalbums bemühte sich Marian Gold stetig, den Soundkosmos der Band in Richtungen jenseits des Synthpops zu erweitern. Doch ihre Hits wie „Forever Young“ oder „Big In Japan“ waren Fluch und Segen zugleich. Sie öffneten Tür und Tor, aber die Soundexperimente stießen nicht immer auf Gegenliebe. Die Leute wollten einfach weitere geile Songs im Stil der Hits. Das letzte Comeback-Album „Catching Rays On Giant“ hatte einige davon im Gepäck, darunter „Die Another Day“. Guten Pop gibt es auch auf „Strange Attractor“ nach einem ungewöhnlich ruhigen, aber stimmungsvollen Einstieg mit „Giants“. „House Of Ghosts“ ist zum Beispiel ein hervorragender De/Vision-Song, „Around The Universe“ stünde a-ha sehr gut zu Gesicht. Mit „Enigma“ kommt alter Balladen-Glanz auf: elegische Melodie, schöne Poparrangements, sanfte Elektronik und Golds charakteristische Stimme. Auch „A Handful Of Darkness“ ist ein toller Alphaville-Moment – bis ein Chor Pathos eimerweise über den Refrain kübelt. Und immer wieder toben sich Alphaville mit Soundexperimenten jenseits des Electro-Pop aus. Zupfen funkige Gitarren in „Marionettes With Halos“, versuchen sich als frühe The Killers in „Sexyland“, fühlen den Blues und Rock’n’Roll in „Rendezvouyeur“ und erliegen in „Heartbreak City“ dem Disco-Fieber der Bee Gees. „Strange Attractor“ will viel, aber vor allem zu viel auf einmal. Schlecht ist das Album nicht. Aber es beschleicht einen das Gefühl, dass Alphaville versuchen, sich mit aller Macht neu zu erfinden. Nur verrennen sie sich in sehr vielen unterschiedlichen Ideen. Wären sie eine junge Band, gäbe es gegen das Ausprobieren und Herumtasten nichts einzuwenden. Aber die Truppe um Marian Gold hat über 30 Jahre auf dem Buckel und macht sicherlich keine Musik für die postdigitale Generation. Let’s face it: Ein großer Teil des Stammpublikums hat genug gravierende Veränderungen in seinem Leben durchgemacht, als Raider in Twix umbenannt worden. Und erwartet von Alphaville, einfach gute Alphaville-Songs abzuliefern. So einfach ist das.
Torsten Schäfer

Rezension aus Sonic Seducer, Ausgabe 04/2017.
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Tuesday the 18th.
2017 Sonic Seducer Magazin

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